Hilfe, mein Kind nascht zu viel!

Kinder Naschen

Andrea Sojka, Kochphilosophin und Ernährungsberaterin in Wien (soulcooking.at), gibt wertvolle Tipps für den richtigen Umgang mit Süßigkeiten.

Jede Mutter mit Kleinkind kennt diese Regale im Supermarkt, die auf Kinderaugenhöhe Süßigkeiten anbieten. Schokolade, Lutscher & Co. sind omnipresent im Leben der Kleinen. Bei Opa & Oma, Großeltern, Onkeln & Tanten, ja sogar beim Arzt bekommt man Süßigkeiten als Belohnung. Wie man mit dem Thema Naschen am besten umgeht, erklärt uns die Ernährungsexpertin Andrea Sojka, selbst Mutter von zwei Kindern, hier im Interview:

Soulcooking
Andrea Sojka, Soulcooking

Green Baby Guide: Ein Eis nach dem Mittagessen, ein Lutscher im Supermarkt, ein Überraschungsei als Belohnung… ständig gibt es Süßigkeiten. Wie kann ich das Naschen vermindern?

Sojka: Ein sehr umfangreiches Thema… Wenn die Qualität (biologisch und mit so wenig Zusatzstoffen wie möglich) und die Menge der Süßigkeiten passen, ist ein Naschen ja ok. Wenn man Naschen nicht als Belohnung oder Bestrafung einsetzt, bekommt es einen ganz anderen Stellenwert und diese Frage würde sich erübrigen.

Green Baby Guide: Also ist es ganz falsch zu sagen: “Wenn Du brav das Gemüse isst, dann bekommst Du auch eine Nachspeise”?

Sojka: Ja! Wenn wir Emotionen mit Süßem verbinden und somit ein unsichtbares “Kampf-Band” erzeugen, verbinden Kinder damit Aufmerksamkeit und Belohnung. Und wenn sie es dann nicht bekommen, verstehen sie oft viel mehr damit als rein “Ich darf jetzt die Schoko nicht essen.”

Green Baby Guide: Aber wie geht man stattdessen mit Süßigkeiten im Alltag um?

Sojka: Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Sie sollten als Mutter Naschen als „normales” Lebensmittel von Anfang an behandeln – sprich: keine Emotionen daran binden! Oft war mein Umfeld erstaunt, dass ich zum Beispiel „einfach zwischendurch“ Schokolade angeboten habe, oder, dass meine Kinder nach dem Essen etwas Süßes bekommen haben, obwohl sie wenig gegessen haben. Ich sehe und sah meine Aufgabe mit dem richtigen Umgang mit Süßem darin, auf die Qualität zu achten und einen ungefähren Rahmen festzulegen, innerhalb dessen sie sich frei bewegen konnten. Süßigkeiten waren einfach kein großes Thema: Bei uns dauerte es 2 Jahre, bis meine Kinder überhaupt etwas zum Naschen bekommen haben. Warum geben, wenn sie nicht selbst danach fragen?

Green Baby Guide: Interessant! Aber wie behandle ich Süßes „als normal“ konkret im Alltag? Soll ich wirklich Zuckerl einfach so anbieten, wie einen Apfel oder eine Banane, oder nach dem Mittagessen automatisch etwas Süßes hinstellen?

Sojka: Um diese Frage einfach mit „Ja” beantworten zu können, wäre es einfacher wenn ich den Tagesablauf und generell den Umgang mit Essen der Familie kennen würde. Aber grundsätzlich bilden wir bei den Kindern ein Bild: Gemüse MUSS sein, Schokolade DARF sein. Dann belohnen wir sie, wenn sie das nicht so toll schmeckende Gemüse überstanden haben. Schaffen wir es, die gesunde Ernährung ganz normal zu sehen, dann gehört zum Beispiel Schokolade auch dazu. Weil wir alle sie essen. Unsere Kinder bekommen ja auch den widersprüchlichen Umgang damit mit, wenn wir sagen, es ist nicht gut – uns aber selbst damit belohnen.

In meinem konkreten Fall habe ich sehr viel experimentiert. Frisch gekocht und auf eine abwechslungsreiche ausgewogene Ernährung geachtet. Kein weißer Zucker oder Fertigprodukte, auf versteckte Zucker geachtet und eben versucht, Süßes normal in den Speiseplan einzubauen.

Green Baby Guide: Die Lösung ist also ein lockerer Umgang mit dem Naschen?

Sojka: Naja, man muss schon auf das “Rundherum” achten – wie ernähre ich mein Kind sonst? Haben wir öfters klassische Käsebrotmahlzeiten und Fertigprodukte oder doch lieber zum Beispiel morgens ein gutes, warmes Dinkel-Orangen-Banane-Frühstück? Mittags würde ich zum Beispiel Gemüsebuchweizenpuffer, eine Gemüsetarte, selbstgemachte Pizza, glutenfreie Mohnnudeln oder Gemüseknödel mit Saft kochen und abends eine nahrhafte Suppe wie zum Beispiel Karotten Kürbis Polenta oder selbst gemachte Grießnockerl anbieten. Wenn zuviel Süßes auf dem Speiseplan ist: Wo kann ich ansetzen um es wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Wie kann ich mein Kochverhalten anpassen, dass es auch für mich nicht zu stressig wird (alle meine Gerichte bei Soulcooking sind in ca. 30 Minuten fertig).

Aber wie überall muss man nicht zu perfektionistisch sein: ab und zu kann man auch das Naschen nicht zu eng sehen – wenn ich als Mutter darauf achte, dass die Qualität stimmt und ich es “normal” in den Speiseplan einbaue (ohne Emotion), löst sich dieses “unbedingt haben wollen”-Verhalten von selbst.

Green Baby Guide: Was sind denn zum Beispiel Naschereien mit “guter Qualität”?

Sojka: Gute Qualität bedeutet für mich keine herkömmlichen, klassischen Kinderschokoladen und Kinderprodukte, also keine Süßigkeiten, die es in der Werbung zu sehen gibt. Meine einfache Antwort zu diesen ist: „Nicht einkaufen!“ Es gibt genug schmackhafte Alternativen in hochwertiger Qualität, die nicht nur aus Zucker und Fett bestehen. Je mehr Kakao in einer Schokolade enthalten ist, desto weniger Zucker – das wäre zum Beispiel schon ein Anfang. Man sollte dem Kind auch erklären, was in den Naschereien enthalten ist wie es auf den Körper wirkt und gesunde Alternativen anbieten. Wenn ich mit meinen Kindern Süßes von einer ganz neuen Seite betrachtet kennenlerne und generell so koche, dass der Körper alles bekommt, was er braucht, schwindet das Verlangen nach übermäßigem Genuss von Süßem ganz von alleine. Es regelt sich quasi wie von selbst, wenn ich weiß was ich brauche. Wie immer ist Vorleben ein wichtiger Aspekt. Wie gehe ICH als Mutter mit dem Naschen um? Sehe ich es als Belohnung? Kann ich darauf verzichten, ohne dass eine Emotion hochkommt? Wie gestaltet sich MEIN Naschverhalten – was passiert wenn man mir das Naschen verbieten würde usw.

Green Baby Guide: Ich muss also auch bei mir selbst anfangen…

Sojka: Ja, sich selbst kennen lernen und gemeinsam neue Wege entdecken kann oft eine Lösung bringen, die für alle ganz neu ist – ein neuer Umgang mit dem Naschen. Generell hilft es, einen Mittelweg zu finden, also selbst frisch kochen, sich ausgewogen ernähren, Naschen nicht mit Emotion (Belohnung / Bestrafung) verbinden und in den Speiseplan aufnehmen wäre ein guter Anfang.

Green Baby Guide: Wie geht man mit wohlmeinenden Großeltern oder Tanten um, die ja oft Süßigkeiten als Geschenke mitbringen?

Soja: Das ist etwas schwieriger. Ich habe mein Umfeld schon darum gebeten, nicht Unmengen an Süßes mitzubringen, sondern zum Beispiel etwas zum Malen oder den Kindern einfach nur Zeit zu schenken. Aber oft haben Erwachsene ein Problem damit, nichts Süßes schenken „zu dürfen“, weil sie selbst eine Emotion damit verbinden. Aber Kinder erfreuen sich an Zeit und Aufmerksamkeit genauso – wenn nicht viel mehr!

Andrea Sojka bietet auf soulcooking.at viele Rezepte und Tipps zum Thema Kinderernährung an. Spezielle Kochkurse für Babybeikost und Kinder sind bei ihr direkt buchbar.

soulcooking

 

Fotos: Shutterstock ( ganz oben), Soulcooking (2)

3 thoughts

  1. Vielen Dank für den super spannenden Beitrag! Die Frage hab ich mir auch schon oft gestellt, denn ich finde, dass Süßigkeiten in Maßen okay sind, aber nicht als tägliche Routine gesehen werden sollen! Mein Freund und ich hatten schon mehrere Diskussionen zu diesem Thema und wir konnten uns endlich einigen 😀

    das mit dem „wenn du brav alles aufisst bekommst du zum Nachtisch eine Schokolade“ ist leider so präsent in unserer Gesellschaft, das merk ich immer wieder! und ich finde es so schade!!! meine Tante macht es schon seit meine Cousinen auf der Welt sind so, dass sie als Nachtisch Obst bekommen und sich somit auf eine Banane so freuen als würden sie eine Tüte Haribo bekommen, denn sie sehen die Banane (das Obst) so wie die meisten Süßes sehen 🙂 Ab und zu bekommen sie schon auch „richtige“ Süßigkeiten, da schaut meine Tante aber immer auf die Inhaltsstoffe und es muss BIO sein 🙂

    ich finde dieses Thema so interessant!! VIelen vielen Dank für den Beitrag!! ❤

    LG, M ❤

    1. Deine Tante macht das super! Mir gelingt es leider nicht immer so gut. Aber die Tipps von Andrea haben mir sehr geholfen. Wenn man einfach mal locker lässt, dann sind Süßigkeiten kein so ein großes Thema mehr und dann werden sie von alleine (fast) uninteressant. Entspannte Mama und entspannter Papa = entspanntes Kind 🙂

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