Post-Natale Depression? Nein, Post-Natale Angst!

happymama

Bei Katharina* kam die Angst nach 10 Wochen. Bis dahin war alles wunderbar gelaufen: trotz einem Not-Kaiserschnitt und Problemen beim Stillen lief eigentlich alles glatt. Sie freute sich sehr über ihr Kind, war ganz verliebt in die großen Kulleraugen und die weiche Babyhaut. Auch der Tagesablauf hatte sich schon gut eingespielt: Ihr Baby war pflegeleicht und schlief zu ihrem großen Erstaunen mittlerweile sogar manchmal 10 Stunden am Stück. Katharina meisterte den Alltag mit Baby ohne große Probleme, hatte sich an die Abläufe mit Wickeln und Stillen gut eingestellt und liebte ihr Kind.

Dann kam sie plötzlich, mitten in der Nacht, die Panik. Wie ein kalter Schauer. Ihr Herz schlug wie verrückt und sie zitterte am ganzen Körper. Die Angst nahm ihr die Luft zum Atmen. Aber was war los? Sie hatte doch alles so im Griff, dem Baby ging es gut, alles war eigentlich schön. Frühmorgens ging es weiter mit der Angst: Katharina versuchte, sich abzulenken, ging aus dem Haus, traf Freunde. Anfangs klappte das auch ganz gut und sie fühlte sich wieder normal. Doch das mulmige Gefühl kam wieder zurück, und zwar wenn sie am wenigsten damit rechnete: beim Babytreff mit den Freundinnen, beim Einkaufen, mitten in der Nacht… das Herz raste, Katharina war in Panik. Nach 2 Wochen vertraute sie sich einer engen Freundin an – ob es nicht diese postnatale Depression sei? Katharina googelte, konnte sich aber in dem Krankheitsbild nicht wiederfinden. „Ich liebe doch mein Kind, ich lehne es überhaupt nicht ab. Im Gegenteil, mir geht es sogar besser, wenn ich mit ihm kuscheln kann. Außerdem bin ich überhaupt nicht antriebsschwach, sonder hypernervös.“

Viele Mütter erleben in der ersten Phase mit Kind als eine schwierige Zeit. Allseits bekannt ist der Babyblues, der einige Tage nach der Geburt einsetzt, aber sich schnell wieder legt. Rund 10% der Mütter erleben eine postnatale Depression, die nach 3-6 Monaten beginnt und meist mehrere Monate dauert. Sie äußert sich unter anderem durch Antriebslosigkeit und mitunter auch Ablehnung des Kindes. Durch Promis wie Brooke Shields oder gerade eben Hayden Panettiere bekam dieses Krankheitsbild in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit. Viel weniger bekannt ist, dass die Psyche auf die neue Situation auch mit Angst reagieren kann – „anxiety“ heisst der englische Begriff, der den Zustand der Ruhelosigkeit so gut beschreibt. Man steht ständig unter Strom und kann die innere Spannung nicht abbauen. Panikattacken als „Blitzableiter“ treten auf, man fühlt sich, als würde die Welt sich um einen immer schneller drehen, während man selber in einem Loch versinkt.

Katharina hat Jus studiert und war schon immer ein „High Achiever“: stets perfekt, immer auf Leistung eingestellt. Im Studium und im Beruf immer tiptop. Auf die Ankunft vom Baby hatte sie sich penibel vorbereitet, jedes Buch gelesen, das Zimmer schon vorab perfekt eingerichtet. Aber auf eines hatte sie vergessen: sich selbst. Die ständige Optimierung, das Abarbeiten von Listen funktionierte auf einmal nicht mehr. Sie verlangte sich zuviel ab und entfernte sich von sich selbst. Nach einigen Monaten voller Angst entschloss sie sich nach einigen Monaten zu einer Therapie. In den Gesprächen mit einer Psychotherapie konnte sie viele alte Denkweisen aufdröseln, die zu ihren zuerst unerklärlichen Angstzuständen führten: Einer der Hauptgründe, so sagt sie heute, sei ihr Anspruch an sich selber gewesen: „Man sieht doch ständig in den Medien diese Superfrauen mit 4 Kindern, die das alles so links wegstecken. Ich hab´ mir sogar nach dem Kaiserschnitt abverlangt, sofort wieder voll zu funktionieren. Ich setzte mich dermaßen unter Druck, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes keine Luft mehr bekam. Dazu fühlte ich auch einen gewissen Erwartungsdruck von meiner Umwelt: Wenn man nur sieht, wie toll alles ist, weiß ja keiner mehr, wie schwer es eigentlich heute für eine junge Mutter ist, sich in ihre Rolle hineinzufinden.“ Denn nicht nur die Medien, sondern auch das unmittelbare Umfeld trägt oft zum Stress junger Mütter bei: „Früher hat eine Frau 3 Kinder gehabt und keiner hat sich gefragt, wie sie das schafft.“, „Ein Baby ist doch keine Arbeit! Was stellst Du Dich so an!“ hört man oft. Dazu gesellt sich dann noch der Stress, so schnell wie möglich wieder eine super Figur zu haben und sofort wieder weiter an der Mega-Karriere zu basteln. Da bleibt keine Zeit fürs Ausruhen, wieder zu sich selbst finden und vor allem auch körperlich zu heilen.

Solltest Du unter Angstzuständen nach der Geburt leiden, oder kennt Du kennst jemanden, der davon betroffen ist, probier mal diese 7 Tipps: (Diese Liste ist aus persönlichen Gesprächen mit Betroffenen entstanden und ersetzt keine Psychotherapie. Bei schlimmen Symptomen bitte unbedingt einen Arzt aufsuchen!)

1) Sei nett zu Dir selber. Im Wochenbett bist Du die Queen! Eine Geburt ist kein Spaziergang, Dein Körper hat 9 Monate ziemlich viel überstanden. Steh dazu und lass´Dir nicht einreden, sofort wieder zu funktionieren. Jetzt brauchst Du vor allem eines: Geduld. Man ist noch von heute auf morgen Mama. Man wächst mit seinen Aufgaben. An manchen Tagen klappt es besser, an anderen gar nicht. Und: Wenn Du ein Gespür für Dich und Deine Bedürfnisse entwickelst und Dich dabei selbst schätzt, dann spürt das auch die Umwelt und reagiert anders auf Dich.

2) Sag´nein. Nein zum 6 Wochen-Post-Partum Fitnessplan, zur Geschäftsreise nach London, zum Baby-Schwimmen. Geh´die erste Zeit so ruhig wie möglich an. Weniger ist mehr. Es geht jetzt nur darum, eine schöne Bindung mit dem Baby aufzubauen. Betrachte diese Zeit in Relation zu Deinem ganzen Leben: sie kommt nie (oder nur 2-3 Mal wieder) und steht Dir und Deinem Kind zu. Eine Gesellschaft, die ihren Müttern und Kindern keinen Raum zum Ankommen gibt, ist kein guter Ort. Dein Nein hilft auch anderen Müttern.

3) Lass´ Deine Schilddrüse checken. Es ist wenig bekannt, dass es bei etwa 7% der Frauen nach der Schwangerschaft  zum Ausbruch einer Schilddrüsenerkrankung kommen kann (siehe Wikipedia hier). Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion sind möglich. Die Symptome klingen unbehandelt nach etwa einem Jahr wieder ab, sind aber einer Angsterkrankung oder Depression sehr ähnlich. Viele Frauen werden falsch diagnostiziert!

4) Triff Dich nicht nur mit Baby-Mamas. Nach den ersten drei Jahren wird Dein Kind viel selbstständiger sein und Du wirst wieder ein ganz anderes Leben führen. Eine Mama mit älteren Kindern kann ein gutes Vorbild sein und Dir dabei helfen, vieles etwas leichter zu nehmen. Baby-Mama-Freundinnen sind sehr wichtig, weil Du Dich über alles austauschen kannst, aber leider schaukelt man sich manchmal gegenseitig hoch. „Mein Kind schläft schon durch!“, „Was, Dein Kind geht immer noch nicht?“ sind keine hilfreichen Kommentare, wenn man gerade das Gefühl hat, dass einem das Wasser bis zum Hals steht.

5) Lass´Dich nicht von den perfekten Mamas in den Medien verunsichern. Grad an den Tagen mit Baby, an denen die Zeit still steht, ist das Smartphone eine willkommene Abwechslung und Schnur nach draußen. Bilder von perfekten Instagram-Mamas lassen aber oft das eigene Leben noch trister aussehen, als es wirklich ist und noch mehr Stress ist vorprogrammiert. Mittlerweile gibt es aber auch sehr intelligent geschriebene, wirklich witzige Mama-Accounts, die einem in schlimmen Momenten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern können: Unsere Favoriten: Mother Pukka, Selfish Mother, MothersMeetings oder @thescarymommyauf Facebook.

6) Verabschiede Dich von „Alles geht, Du musst nur wollen“. Zumindest geht jetzt erstmal nicht alles gleichzeitig: Man kann nicht Karriere machen und gleichzeitig eine super-präsente Mama sein, man kann nicht einen glänzenden Haushalt vorweisen und gleichzeitig stundenlang mit Baby schmusen. Jetzt heisst es Abstriche machen. Ist der Job wichtig, dann gesteh Dir ein, dass auch eine liebevolle Fremdbetreuung ihren Teil leisten kann und Du trotzdem eine gute Mutter bist. Steht die Karriere auf Eis, weil Du lieber bei Deinem Kind bleibst und Dich dabei wohlfühlen, dann mach Dir keine Vorwürfe, im Moment nicht die Überverdienerin zu sein. Und in diesem Fall ist da auch noch dieser beruhigende Gedanke: Anna Wintour, Carine Roitfeld und Robin Wright-Penn machten erst mit 50 nach den Kindern so richtig Karriere!

7) Last but not least: Frag´unverschämt um Hilfe. Mama sein geht bei vielen nicht automatisch (lest mal hier die Beispiele von „Regretting Motherhood“) und ein Kind braucht bekanntlich „ein Dorf“ um gut aufzuwachsen. Auch Papa, Oma, Opa, Onkel und Tanten, Freunde und Hebammen, Ärzte gehören zu Deinem Netzwerk an Helfern. Viele vorherige Karrierefrauen haben Scheu davor, um Hilfe zu bitten. Schließlich haben sie ja das Leben bis hierher super alleine gemeistert. Es ist keine Niederlage, auch mal andere zu bitten, einem zur Seite zu stehen. Und Baby lernt dabei Geborgenheit nicht nur von Mama!

(* Katharina ist eine Bekannte, die uns ihre Geschichte erzählt hat. Sie möchte nicht an die Öffentlichkeit.)

Kennst Du jemanden mit postnataler Angst und was hat ihr geholfen? Teile mit uns Deine Erfahrungen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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